Startseite   Feministisches Institut   Themen
Themen und Projekte
  Service   Netzwerke   Forum      
                           
 
Themen und Projekte » Politik International » Femme Globale » Themen » Globalisierung, Migration, Arbeit|6 » Workshop 6.3
   

 6

Thema 6

Globalisierung, Migration und Zukunft der Arbeit

Workshop  6.3

"Das Dienstmädchen kehrt zurück"                                                    

feminist attacSamstag, 10.09.2005, 11.30-13.15 h
feminist attac


   |
Referentin

Zu Beginn der neuen FrauenLesbenbewegung stand die einseitig zugewiesene und unbezahlte Reproduktions-Arbeit und ihre Bedeutung für die Aufrechterhaltung der patriarchalen und kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse im Zentrum der Analyse und der Geschlechter-Auseinandersetzungen. Für die alternativen feministischen und linken Projekte der 1970er Jahre stand zumindest theoretisch fest: Putzen müssen alle! Und alle Arbeiten sind gleichwertig und müssen gleich bezahlt werden! Eine Putzkraft war tabu. Heute können wir am Beispiel des florierenden und sich immer weiter ausbreitenden Marktes für legalisierte und illegalisierte Hausangestellte beobachten, wie und auf wessen Kosten der Geschlechterkonflikt um die Umverteilung von Erwerbs- und Hausarbeit zwischen Frauen und Männern mit Unterstützung der neoliberalen Globalisierung "gelöst" wurde.

Immer mehr Haushalte der Mittelschicht in Deutschland erkaufen sich ihre private und berufliche Gleichstellung der Geschlechter durch die Beschäftigung von Hausangestellten. Untersuchungen darüber, wie viele ArbeitgeberInnen es mittlerweile bei den Grünen, der PDS, Attac oder feministischen Projekten gibt, sind überfällig.

"Dienstmädchen", "Kindermädchen", Haushaltshilfen, Putz- und Pflegekräfte übernehmen heute in zunehmendem Maße die Versorgungsarbeit in privaten Haushalten. Nach vorsichtigen Schätzungen über den Umfang dieses Phänomens in Deutschland gehen Wissenschaftlerinnen davon aus, dass jeder achte Privathaushalt heute eine Haushaltshilfe beschäftigt – Tendenz steigend. Nur ein minimaler Teil davon arbeitet sozialversicherungspflichtig.

Wir wissen, dass die im Haushalt Beschäftigten zu mehr als 90% Frauen sind. Die heutigen "Dienstmädchen“ sind in der Mehrzahl Migrantinnen – Frauen aus Lateinamerika, Asien, Afrika, und in Deutschland häufig aus Osteuropa. Viele von ihnen sind gebildet, älter als 30 Jahre, mit Familie im Herkunftsland. In Folge der neoliberalen Globalisierung und der damit einhergehenden Verarmung müssen sie ihre Herkunftsländer verlassen, damit sie und ihre Familien überleben können und die eigenen Kinder eine Ausbildung erhalten.

Vorrangig übernehmen die neuen Dienstmädchen körperlich anstrengende, zeitaufwendige, "schmutzige" Arbeiten mit niedrigem gesellschaftlichen Ansehen. Zu ihren Tätigkeiten gehören Putzen, Waschen und Kochen, die Unterstützung von alten Menschen und die Pflege von Kranken bis hin zur Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit. Höher angesehene Aufgaben wie z.B. Kinderbetreuung werden von den ArbeitgeberInnen eher an (deutsche) Studentinnen oder Schülerinnen übertragen.

Viele Frauen leben ohne arbeits- und aufenthaltsrechtlichen Schutz. Weil sie häufig als Illegalisierte in Deutschland leben, haben sie kaum Möglichkeiten, gegen Lohnprellungen oder sexuelle Ausbeutung vorzugehen. Für Haushaltsarbeit wird bislang kein Aufenthaltsrecht gewährt. Deshalb leben die Betroffenen ständig in Angst vor Entdeckung und Abschiebung, ohne soziale und gesundheitliche Absicherung und oft auch sozial isoliert. Zu ihren Familien und Kindern halten sie zwar Kontakt, sehen sie aber zum Teil über viele Jahre hinweg nicht.

Der Schattenarbeitsmarkt im Haushaltsbereich wird bewusst toleriert; an seine Sichtbarmachung und Veränderung besteht wenig öffentliches Interesse. Denn die illegalisierte Arbeit im Verborgenen macht Hausangestellte doppelt abhängig und damit ausbeutbar. Die Illegalisierung sichert ein billiges, rechtloses und unauffälliges Potential an Arbeitskräften.

Zusammenfassend können wir sagen, dass die Rückkehr des „Dienstmädchens“ auf die patriarchalen Grundpfeiler der globalen Wirtschaftsordnung und Arbeitsteilung hinweist. Dabei wird wieder selbstverständlich auf die "natürliche Ressource" Frau zurückgegriffen. Weder die feministische Forderung nach Umverteilung der Hausarbeit auf beide Geschlechter noch die umstrittene Forderung nach "Lohn für Hausarbeit" konnten in der Vergangenheit durchgesetzt werden. Stattdessen wird auch von emanzipierter Frauenseite an dieser geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung nicht mehr gerüttelt, sie wird kaschiert und ungeniert mit einer global-rassistischen Arbeitsteilung zwischen Frauen verknüpft, die an längst überwunden geglaubte Kolonial- und Feudalzeiten erinnert. Was früher die Dienstmädchen vom Lande waren, sind heute Frauen aus sogenannten Dritt-Welt-Ländern, die überlebensnotwendig von dieser Form von Erwerbsarbeit Gebrauch machen müssen.

Die Verantwortung und Ausführung von Familien- und Hausarbeit bleibt dabei minimal entlohnte und entrechtete (Haus-)Frauensache. Alles wie gehabt?

   | Literatur

  • Lutz, Helma (2002): In fremden Diensten. Die neue Dienstmädchenfrage als Herausforderung für die Migrations- und Genderforschung, in: Gottschall, Karin/Birgit, Pfau-Effinger (Hg.): Zukunft der Arbeit und Geschlecht. Diskurse, Entwicklungspfade und Reformoptionen im internationalen Vergleich, Opladen. S. 161-181
  • Lutz, Helma (2001): Die neue Dienstmädchenfrage im Zeitalter der Globalisierung, in: Fechter, Mathias (Hg.): Gesellschaftliche Perspektiven: Wissenschaft. Globalisierung. Jahrbuch der Hessischen Gesellschaft für Demokratie und Ökologie. Essen. S. 114-135
    Odierna, Simone (2000): Die heimliche Rückkehr der Dienstmädchen. Bezahlte Arbeit im privaten Haushalt. Opladen
  • Netz: www.expertbase.net/forum/reader

   | Kontakt

Jutta Baxter, Feminist Attac Deutschland
E-Mail yubax@gmx.de , Homepage http://www.attac.de/feministattac/


Programm Themen  ReferentInnen Veranstalter 

Anmeldung

Presse 

Material 

Ausblick 


Gender Mainstreaming   

Frieden und Sicherheit

Fundamentalismen
und Feminismus
 
  

Biopolitik

Informations-gesellschaft

Living Globality


Aktualisiert: 11.08.2005, hbr