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    Reisetagebuch New York




Eindrücke von der 49. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission


Gitti HentschelVom 28.2. bis 11.3.2005 fand in New York die 49. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission statt.

Gitti Hentschel, Leiterin des Feministischen Instituts nahm an der Sitzung der Kommission teil. Sie berichtet in ihrem Reisetagebuch über aktuelle Diskussionen und Ergebnisse der CSW in New York. 

Einen visuellen Eindruck von der UN-Konferenz vermitteln die Fotoseiten New York 1 - 5 [Fotos 1].


                  

Montag 28.2.

 Dienstag 1.3.   Donnerstag  3.3.    Freitag 4.3.  Sonntag 6.3.
Montag 7.3.     Mittwoch 9.3.    Donnerstag 10.3.   Freitag 11.3.   Sonntag 13.3.
          

Sunday, 13 March 2005

Schnell noch ein paar letzte Ergebnisse vor dem Rückflug nach Deutschland. Gestern wurde es bei der Abschlusssitzung der UN-Frauenrechtskommission noch mal spannend. Es standen insgesamt 10 Resolutionen, die einzelne Staaten - zum Teil auf Initiative der Nichtregierungsorganisationen (NRO) - eingebracht hatten, zur Abstimmung an, zum Beispiel zur Verbesserung der Situation palästinensischer Frauen in Israel, zu Frauen in Afghanistan, zur Situation indigener Frauen, zu Frauen und Umweltkatastrophen, zu Aids und zu Gendermainstreaming.

Drei der Resolutionsentwürfe waren heftig umstritten, davon  zwei Vorlagen der USA und eine gemeinsame der Philippinen und Ruanda. Bei den US-Entwürfen ging es zum einen um Vorschläge zur Reduzierung von Frauen- und Mädchenhandel. Der zentrale Streitpunkt: Hier wurden Menschenhandel, erzwungene und freiwillige Prostitution quasi gleich gesetzt. Die US-Vorlage zur ökonomischen Entwicklung und Förderung von Frauen stieß auf besonders vehemente Kritik, da sie einen neoliberalen Ansatz verfolgte und Interessen von Frauen aus Industrieländern und Entwicklungsländern nicht genügend unterschied. Nach zahlreichen Änderungsanträgen wurde die Resolution so weit verändert, dass die USA ihre Urheberschaft für die verabschiedete Fassung zurueckzog. Eine isolierte Position nahm die US-Regierungsdelegation auch ein, als es um die Einsetzung einer besonderen BerichterstatterIn ging, die Gesetze mit Frauen diskriminierendem Inhalt erfassen soll. Hier intervenierte sie -  vergeblich - gegen den Verweis auf die CEDAW-Konvention zur Abschaffung aller Formen der Diskriminierung der Frauen, die schon seit 25 Jahren! besteht und einen umfassende Frauen/Menschenrechtsansatz enthält.

Für die vielen NRO war dies ein weiteres Zeichen, dass die Frauen-NRO’s aus aller Welt gemeinsam mit der Mehrheit der UN-Staaten die Frauen/Menschenrechte - wie die Pekinger Aktionsplattform bereits in der vergangenen Woche - auch gegen starke Angriffe verteidigen und offensiv ihre Umsetzung angehen können.....

Alles weitere nun aus Deutschland - jetzt heißt es erst mal Tschüss New York!

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Friday, 11 March 2005

Gerade komme ich von einer Diskussionsveranstaltung zum Thema "Geschlechtergerechtigkeit und innere Sicherheit", und zwar ging es zentral um die Frage von Sicherheit in Nachkriegsgesellschaften. Die, das war einhellige Meinung des hochrangig besetzten Panels, sei ohne Frauenbeteiligung an Verhandlungstischen und in führenden Positionen beim Wiederaufbau der Gesellschaft und der Entwicklung von Demokratie nicht zu erreichen; zumal gerade für Frauen Kriegsende und Ende von bewaffneten Konflikten noch lange nicht Sicherheit heißt. Das führte sehr eindrucksvoll Jessica Babihuga Nkuuhe aus Uganda vor Augen, die zur Direktion von "Isis Women's International Cross-Cultural Exchange" gehört, einer Organisation, die am internationalen und interkulturellen Austausch arbeitet.

Drastisch schilderte sie die Lebensbedingungen von vielen ugandischen Frauen und Mädchen, aber auch Jungen, die auch Jahre nach dem (Buerger)krieg noch immer auf der Strasse leben, und um ihr Überleben kämpfen, zum Teil als SexsklavInnen verkauft, oder auf der Strasse vergewaltigt und missbraucht werden, ohne Schutz, ohne Gesundheitsversorgung, ohne Möglichkeit auf Bildung oder auf einen Lebensunterhalt. Ihr Forderung: Gerade Frauen mit solchen Erfahrungen müssen an den Verhandlungstischen beim gesellschaftlichen Wiederaufbau sitzen und darüber berichten.

Bemerkenswert fand ich, dass UN-Vertreter Danilo Turk, ein Assistent des Generalsekretärs und in der Politikabteilung für Konfliktprävention, Friedensschaffung und Wiederaufbau in Nach-Konflikt-Gesellschaften offen das Problem der UN-Friedenseinsätze thematisierte und zugestand, dass auch UN-Friedenstruppen für Frauen in den Regionen ein zusätzliches Sicherheitsrisiko bedeuten können. Allerdings gebe es bisher keine gesicherten Erkenntnisse darüber, ob es sich bei den Übergriffen gegen die einheimischen Frauen eher um Einzelfälle oder um ein generelles und grundlegendes Problem handele. Jedenfalls ist es eines, das die UN selbst anzugehen hat. Das vertrat auch Baroness Amos, Vorsitzende des "House of Lords" und Ratspräsidentin in Großbritannien. Sie wies zudem auf die besondere Verantwortung des UN-Sicherheitsrats in diesem Zusammenhang und überhaupt für die Umsetzung der Sicherheitsrats-Resolution 1325 hin, die auch einen besonderen Schutz von Frauen und Mädchen in Kriegs- und Nachkriegssituationen vorsieht. Erfreulich - und möglicher Weise Vorbild für Deutschland in diesem Bereich: In Großbritannien wird gegenwärtig ein Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 erarbeitet.

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Thursday, 10 March 2005

Gerade habe ich einen der viel zu wenigen Internetzugänge in einem der Konferenzraume in der UN erwischt, in dem - wie üblich - jede Menge Leute herumstehen und reden. Riesenüberraschung: auf Zeichen einer offensichtlichen Leiterin formieren sich die Grüppchen und fangen an zu singen: ich bin in die Übungsgruppe eines Chors geraten, der wunderschöne Choräle und Spirituals einübt.

Frauen bei der CSWAllmählich wird es auch im Rahmen der Frauenrechtskonferenz ruhiger. Es gibt nicht mehr so viele parallel laufende  Workshops und Zusatzveranstaltungen zur offiziellen Kommissionssitzung, die die Nichtregierungsorganisationen (NRO) anbieten; es drängeln sich auch nicht mehr so viele TeilnehmerInnen in den Räumen. Dafür werden die Diskussionen in den verschiedenen regionalen Frauenräten und die Verbindungstreffen aus den verschiedenen Räten strategischer, es wird mehr auf vorweisbare Ergebnisse geachtet. So hat gestern der sogenannte "Linkage Caucus", das Verbindungstreffen von Frauen aus aller Welt ein Statement beschlossen, das an den Generalsekretär der UN, Kofi Annan, an die gesamte UN und alle Regierungen dieser Welt gehen soll. Zentrale Forderungen: Die UN soll mit ihren eigenen Ansprüchen und Erklärungen zur Frauengleichstellung und zur Bedeutung der Geschlechterperspektive in allen politischen Bereichen Ernst machen. Das heißt: auch in der UN selbst ein effektives, ergebnisorientiertes Gendermainstreaming einzuführen und die "Geschlechterarchitektur" der UN zu verbessern. Dazu gehört vor allem eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung der UN-Bereiche, die zuständig sind für Frauenempowerment und Geschlechtergleichstellung und die Anhebung ihres Status und damit ihrer Bedeutung und Einflussmöglichkeiten. Weiter wird darauf gedrängt, dass der niedrige Anteil von Frauen auf den hohen UN-Posten angehoben wird, denn "dreißig Jahre nach der ersten Weltfrauenkonferenz ist es schockierend, dass nur eine Hand voll der rund 60 besonderen Vertreter und Botschafter des Generalsekretärs Frauen sind". Mit kritischem Blick auf die rund 190 Mitgliedsstaaten der UN wird vermerkt, dass nur 11 Frauen ihre Länder als Botschafter vertreten und die Staaten kaum Vorschläge für die Besetzung des UN-Generalsekretärs und anderer hoher UN-Posten mit einer Frau gemacht haben. Um so mehr ist es an der Zeit, dass die UN selbst mit gutem Beispiel und in eine gendergerechte Zukunft vorangeht.

In den offiziellen Sitzungen der Frauenrechtskommission geht es inzwischen - oft in geschlossenen Sitzungen - um Fragen der Implementierung der Genderperspektive in einzelnen Arbeits- und Themenbereichen, z.B. in der Makroökonomie oder - mit Blick auf den Weltgipfel der Informationsgesellschaft in Tunis im November - um die Geschlechterimplementierung in der Internetkommunikation und in den Massenmedien. Zusätzlich werden zahlreiche, von den NRO verabschiedete und an die RegierungsvertreterInnen weitergeleitete Resolutionen beraten, etwa zur Reduzierung des Frauenhandels, zu Mädchen und Aids und zur Situation palästinensischer Frauen in Israel.

Mich hat die Gesangsgruppe gerade gebeten, den Computer zu räumen, weil die Chorleiterin sich durch meine Anwesenheit irritiert fühlt. So verzichte ich nun auf die nette Gesangsbegleitung und mache mich auf zum Abendessen.

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Wednesday, 09 March 2005

Gestern: Internationaler Frauentag - hier für viele ein "Frauenkampftag". Der Straßenkampf fiel dann allerdings aus. Angesichts von Regen und regelrechten Schneestürmen ab Mittag trauten sich zur angekündigten Demonstration mit anschließender Kundgebung vor der UN nur rund 100 besonders mutige und wetterresistente Frauen mit Trommeln und Rasseln auf die Strasse, um dort für die Frauen/Menschenrechte und Geschlechtergleichheit einzutreten.

Networking auf den FlurenZuvor hatte die UN-Frauenrechtskonferenz ihre reguläre Sitzung aus Anlass des internationalen Frauentags ausgesetzt. Statt dessen stellten auf einem Panel "Geschlechtergleichheit nach 2005" namhafte ExpertInnen aus unterschiedlichen Teilen der Welt ihre Vorstellungen und Vorschläge zur  Entwicklung einer "sichereren Zukunft" zur Diskussion. Rachel Mayanja, die  UN-Verantwortliche für Geschlechterfragen und Frauenförderung,  sieht in der verabschiedeten Bestätigung der Pekinger Aktionsplattform  zugleich den Beginn einer neuen Periode der Herausforderungen für die Frauenpolitik und Frauenbewegung. Und die heißt:  tatsächliche Umsetzung der Plattform. Zentral hierfür sei die Schaffung von Sicherheit, verstanden als menschliche Sicherheit: Freiheit von Furcht, von Hunger und Armut. Massive Kritik übte sie in diesem Kontext am sog. "High Panel"-Bericht zur UN-Reform "Bedrohungen, Herausforderungen und Chancen".  Obwohl er als zentrales Sicherheitsproblem Armut benannt hat, seien hier dennoch keine Verbindungen gezogen worden zum Ausschluss der Frauen aus wichtigen zentralen Entscheidungsbereichen von Politik und Wirtschaft. Ein Versäumnis und Widerspruch zur gesellschaftlichen Realität in allen Ländern, vor allem in den von Armut und bewaffneten Konflikten gebeutelten Ländern des Südens. Hier sei ohne die Frauen weder  die Versorgung, die Bekämpfung von Hunger und Not noch eine Schlichtung von Konflikten denkbar. Und das heißt: Ohne völlige Gleichstellung der Frauen keine nachhaltige Konfliktbewältigung, keine Bekämpfung von Not und Elend, keine wirkliche Sicherheit.

Vehemente Kritik nicht nur am High Panel-Bericht zur UN-Reform, übte Dr. Nafis Sadik aus Geschlechterperspektive, obwohl sie das Ergebnis des Berichts zur UN-Reform als Mitglied dieses Gremiums mit zu verantworten hat, sondern auch an der gegenwärtigen Verfasstheit und Arbeitsweise der UN.  Zum Beispiel sei UNIFEM, die UN-Frauenorganisation viel zu schlecht ausgestattet und habe eine in der UN-Hierarchie viel zu geringe Hierarchie. So habe UNIFEM nicht einmal einen Sitz in der UNDP, der Entwicklungspolitischen Abteilung der UN,  sondern sei lediglich als Projektbereich angesiedelt. Wie aber sollen Frauen ihre Interessen behaupten, wenn sie nicht einmal mit an den Verhandlungstischen sitzen, wo Politik gemacht und Geld vergeben wird, so Safis Sadik. Und es wäre wirklich viel Geld zu vergeben, wenn nicht jaehrlich 900 Billionen Dollar in  Waffen und Aufrüstung investiert würde! An die Adressen der frauenpolitischen Zivilgesellschaft gerichtet forderte sie, Druck in den nächsten Monaten auf die UN und auf die einzelnen Regierungen auszuüben, dass die Frauenposition im Rahmen der UN-Reform gestärkt wird. Und nicht nur dort, sondern auch in Bezug auf die Milleniumsentwicklungsziele, in denen die Geschlechterperspektive ebenfalls zu kurz kommt. Hier müsste als - neuer, neunter - Punkt die reproduktive und sexuelle Selbstbestimmung und umfassende Gesundheitsversorgung der Frauen aufgenommen werden. Ein Punkt, der in vielen Diskussionen von Frauen aus Afrika, Asien und Lateinamerika immer wieder als zentral für die Sicherung von Frauenrechten in ihren Regionen benannt wird.

Die Kritik an der UN und den vorliegenden Vorschlägen zur UN-Reform setzte Jessica Neuwirth, Präsidentin von "Equality Now" fort. Sie verglich den - geringeren - Status der Frauenrechtskommission der UN mit dem der UN-Menschenrechtskommission und forderte, dass im Zuge der UN-Reform, wenn Gendermainstreaming ernst gemeint sei, die UN-Frauenrechtskommission einen vergleichbaren Status erhält. Außerdem sei es an der Zeit, dass der nächste UN-Generalsekretär eine Frau werde. Nicht nur der, sondern auch der nächste Weltbank-Präsident, ergänzte Nafis Sadik. Darüber hinaus   wurde im Rahmen der anschließenden Diskussion die Forderung erhoben, alle UN-Gremien nach dem 50:50 Proporz mit Frauen und Männern zu besetzen. Denn: Warum soll das in der UN nicht gelingen,w as die Frauen in der afrikanischen Union erreicht haben! Zur UN-Resolution 1325, die die Geschlechterperspektive und angemessene Frauenbeteiligungen auf allen Ebenen von Konfliktprävention und -bearbeitung verlangt, verwies Jessica Neuwirth auf die Aufgabe des UN-Sicherheitsrats: Er muss hierzu nun auch einen Aktionsplan zur Umsetzung einbringen.

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Monday, 07 March 2005

Heute hätte ich mich gleich mehrfach teilen mögen. Als Zusatzveranstaltungen zur Un-Plenumsitzung der Frauenrechtskommission mehrere  Workshops und Paneldiskussionen parallel, die ich mich interessierten: zur UN-Reform und zu internationalen Friedensansätzen und zur dafür zentralen UN-Resolution 1325.
Plenarsaal bei der CSW
Eine Veranstaltung zur UN-Reform "UN - die Beziehungen zwischen Zivilgesellschaft und dem Millenium+ 5 Entwicklungsprozess"  ging vom UN-Büro- selbst aus, das für die Verbindung zu Nichtregierungsorganisationen zuständig ist. Vielleicht war deshalb der Kreis der Teilnehmerinnen sehr klein . Leider. Denn durch das Referat der UN-Vertreterin Zenra Aiden wurde klar, dass auf der im kommenden September geplanten UN-Vollversammlung zur  Milleniums-Enwicklungs-Erklärung und den sogenannten MDGs, den Millenium-Entwicklungszielen, auch wichtige Weichen hinsichtlich der gesamten UN-Reform und Fragen von zukünftiger Friedens- und Sicherheitspolitik gestellt werden. Zu ihr wurden im letzten Jahr im Auftrag der UN zwei Berichte verfasst (der sogenannte Cardoso-Bericht und der High Panel-Bericht "Threats and Challenges - Bedrohungen und Herausforderungen").  Während im Cardoso-Bericht noch relativ weitgehende Empfehlungen zur Einbindung der Zivilgesellschaft in die UN-Politik gemacht werden, sind sie im Bericht über "Bedrohungen und Herausforderungen" schon deutlich reduziert.  Die September-Vollversammlung schließe, so die UN-Vertreterin, schon organisatorisch die Zivilgesellschaft aus. Ihre Beteiligung sei - aus Sicherheitsgründen - nicht vorgesehen. Sie wies auf eine fuer Ende März zu erwartende Stellungnahme des UN-Generalsekretärs Kofi Annan zu den Berichten und Prozessen in diesem Kontext hin. Ihr Rat an die Zivilgesellschaft: Auf diese Stellungnahme mit Kommentierungen und konkreten Ergänzungs- wenn nötig - Veränderungsvorschlägen massenhaft zu reagieren.

Am Nachmittag  -  völliges Kontrastprogramm. "Frauen zum Millenium-Gipfel und zur UN-Reform: Perspektiven aus Lateinamerika" hieß eine von Unifem organisierte Veranstaltung. Hier standen die Frauen - die meisten aus Lateinamerika - bis vor die Tuer Schlange. Tenor aller Rednerinnen aus Asien, Europa und Lateinamerika: Radikale und fundamentale Kritik am UN-Reform-Prozess, insbesondere an der Definition vermeintlicher Bedrohungen für die Sicherheit der Welt. Nicht Terrorismus und Anti-Terror-Kampf stehe auf der sicherheitspolitischen Agenda, sondern die Durchsetzung der Frauen/Menschenrechte und die Umsetzung der Peking Plattform.  Dazu gehört auch die Durchsetzung eines weltweiten Verständnis von Sicherheit, das auf "Human Security", auf kollektiver menschlicher Sicherheit beruht (im Gegensatz zum herrschenden Ausrichtung auf die Sicherheit einzelner nationaler Staaten). Dies wollen sie auch in die Milleniumsdebatte einbringen  Grundlegend auch ihre Forderung zum UN-Sicherheitsrat unter Verweis auf nicht mehr geltende Übergangsregelungen, die zu Gründungszeiten der UN ihren Sinn hatten: Abschaffung der Privilegien der jetzigen ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats und des Veto-Rechts. Statt dessen: Volle Demokratisierung der UN.  Hierfür suchen sie nun Bündnispartnerinnen und MitstreiterInnen.

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Sunday, 06 March 2005

Gestern: allgemeines Aufatmen auf den Fluren des UN-Gebäudes und im Stzungssaal der UN-Frauenrechtskommission, nachdem auf einem Aushang in Grossbuchstaben zu lesen war: Die USA haben ihren Zusatz zur allgemeinen Bestätigungserklärung  der Pekinger Plattform von 1995 zurückgezogen. Nicht nur deshalb herrschte unter den Frauen  eine Art Volksfeststimmung: die Frauenrechtskommission gestaltete ihre Sitzung als Feier im Vorgriff auf den Frauentag am 8.Maerz. Nicht nur namhafte und verdiente Frauen aus aller Welt, wie die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu Tum, waren als Rednerinnen geladen, sondern Videos aus Etappen des 30jährigen Kampfes der internationalen Frauenbewegungen  wurden vorgeführt, und Künstlerinnen aus den unterschiedlichen Kulturkreisen der Erde traten auf. 

Rhetorisches Highlight : Wangari Mathaai, aktuelle Friedensnobelpreisträgerin. Kämpferisch proklamierte sie, Frauengleichstellung und -partizipation auf allen Ebenen und in allen gesellschaftlichen Bereichen sei kein Geschenk , sondern ein Recht. Und ihre Kritik an den neokapitalistischen Formen der Globalisierung gipfelte in der Forderung nach "fair trade" und einer Kampagne für die 4 "Rs" an die Adresse der reichen Industrieländer: "Reduce, Reycle, Reuse, Repair" (Konsum reduzieren, Materialien recyceln, wiederverwenden und erneuern). Begeisterter Beifall.

Am Nachmittag stand die Bestätigung der vorbereiteten Erklärung zur Peking Plattform an, die - noch mal großes Aufatmen unter den Frauen - im erforderlichen Konsens aller UN-Mitgliedsstaaten über die Bühne ging. Danach ein erneuter Erklärungsmarathon, bei dem zahlreiche Staaten zum Teil betonten, wie  wichtig die Peking Plattform und die verabschiedete Erklärung für die weitere Gleichstellungspolitik in ihren Ländern sei. Einen "historischen Moment" nannte die  Vertreterin von Luxemburg im Namen der EU die Bestätigung der Peking Plattform und ein Ergebnis der "Partnerschaft"  zwischen Regierung und frauenpolitischer Zivilgesellschaft. Allerdings gestand sie zu, dass es bis zur wirklichen Geschlechtergleichstellung noch viel zu tun gebe. Wie viel, machte die vehemente Rede der US-Vertreterin unmissverständlich klar: Sie interpretierte die Peking Plattform und die jetzige Bestätigungserklärung als politischen Handlungsrahmen, der jedoch keine rechtliche Verbindlichkeit hätte. Weder würden dadurch neue Menschenrechte formulierte, noch schlösse die Akzeptanz der reproduktiven und sexuellen  Rechte für Frauen die Zustimmung zu Abtreibungen ein. Ihr Ansatz zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften und Prävention von Aids u.a.: Enthaltsamkeit. Der Backlash ist unüberhörbar. Interessant allerdings der Kommentar in der New York Times von heute: Heftige Kritik an der Vorgehensweise US, die damit die Frauenrechtssitzung der UN missbraucht hätten. Der Kommentar gipfelte in der Forderung: Die USA sollten sich entschuldigen. Darauf werden wir wohl lange warten können.

Ansonsten drängelten sich gestern - leider - die Begleitveranstaltungen  und Workshops zum Thema: Frieden, Sicherheitspolitik und Militarisierungsprozesse, nachdem dieser Themenschwerpunkt bisher kaum vorkam. So konnte ich in die Veranstaltung der Women"s Internationale League for Peace and Freedom (WILPF) zu "Frauen, Frieden und Sicherheit in militarisiertem Kontext" nur kurz reinhören, um dann zu einem Workshop der "NGO Working Group" zur Resolution 1325 des UN- Sicherheitsrats zu hetzen, bei dem ich als Vertreterin des Frauensicherheitsrats in Deutschland unsere Arbeit vorstellen sollte. Überraschend in beiden Veranstaltungen: Während sich bei anderen Themen oft in den Räumen die Frauen drängelten und bis auf die Flure anstanden, blieben hier viele Stühle frei. Unverdienter Weise, denn die WILPF-Veranstaltung war eines der seltenen inhaltlichen Highlights, die ich bisher mitbekommen habe. Drei - vergleichsweise junge - und in  ihrer engagierten Kompetenz  beeindruckende Referentinnen aus Kanada, USA und Israel problematisierten den traditionellen staatlichen Sicherheitsbegriff  und stellten ihm den frauenpolitischen Ansatz der Human Security, der menschlichen Sicherheit entgegen. Durch das Referat der israelischen Referentin zur Situation der Palästinenserinnen in Israel wurde ein feministischer Theorie-Ansatz auf fundierte und nachvollziehbare Weise mit politischer Praxis verbunden. Interessant die Zusammensetzung des Publikums: Während sonst überall die Altersgruppe der 45-60jährigen dominiert, nahmen hier auch ganz junge Und sehr alte Frauen teil. Und - die große Minderheit auf dieser Konferenz: einige Männer.

Bei dem dreistündigen Workshop zur UN-Resolution 1325 ging es zentral darum, welche Bedeutung die Resolution für die Arbeit der Frauen in den einzelnen Länder hat, und mit welchen Strategien sie jeweils an der Umsetzung arbeiten. (Die UN-Resolution 1325  schreibt zwingend die Partizipation von Frauen auf allen Entscheidungsebenen im Fall von bewaffneten Konflikten, bei der Krisenprävention und Konfliktbearbeitung sowie die Berücksichtigung der Genderperspektive in der gesamten Sicherheitspolitik vor.). Außer mir referierten Vertreterinnen einer Medien-Fraueninitiative aus Fidji, von der Frauenliga aus Burma, eines Frauennetzwerks aus Liberia und einer Juristinnenvereinigung aus Kolumbien. Beeindruckend für mich vor allem der Bericht von Marie Leigh Parker aus Liberia. Hier schafften es aktive Frauengruppen aus Liberia, Sierra Leone und Guinea gemeinsam durch Beharren auf UN-Resolution 1325 und öffentlichen Druck, die entscheidenden Konfliktparteien zusammenzubringen und unter gleicher Partizipation der Frauen zu einer Friedensvereinbarung zu kommen. Leider blieb offen, mit welchen Strategien die Frauen sich hier durchsetzen konnten. Zu kurz war die Zeit angesichts einer intensiven Plenumsdebatte mit etwa 40 Teilnehmerinnen aus allen Weltregionen.
Einhelliges Ergebnis: in allen Ländern und Weltregionen gibt es ein viel zu geringes Wissen über die UN-Resolution 1325. Und das Bedürfnis nach internationalem Austausch, Vernetzung und Strategiebildung in diesem Bereich hoch ist.

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Friday, 04 March 2005

Frauen auf der CSW. Heute Nachmittag gab es einen "European Women's Caucus", eine Beratschlagung von Nichtregierungsorganisationen (NRO)-Frauen aus West- und Ost-Europa unter Beteiligung von NRO-Frauen aus Kanada und den USA.

Hauptthema - wie auf ähnlichen Palavern zuvor: die Haltung der USA zu einem inzwischen überall unter den Frauen kursierenden Deklarationsentwurf. Er bestätigt in fünf Punkten insbesondere die Pekinger Plattform und stellt fest, dass nur mit ihrer vollständigen und wirksamen Umsetzung auch die international abgestimmten Ziele der Milleniumserklärung zu erreichen sind. Weiter werden die UN und internationale und regionale Organisationen aufgefordert, entsprechende Aktivitäten zur Umsetzung zu intensivieren. Ein von der USA formulierter Zusatz: Eine solche Bestätigung schaffe keine neuen internationalen Menschenrechte! und schließe nicht das Recht auf Abtreibung ein. Die Begründung für diesen Zusatz, die in Kurzversion als Information der US-Botschafterin auch in der New York Times zu lesen war:  beunruhigte BürgerInnen und AbtreibungsgegnerInnen hätten sich an die Regierung gewandt und gegen die in der Peking Plattform formulierten reproduktiven Rechte für Frauen gewandt. Tatsächlich kursieren auch hier im UN-Gebäude entsprechende anonyme Flugblätter, ebenso wie ein massenhaft aufgelegtes Pamphlet der rechten "Pro life"-Organisation.  Inzwischen - so wird berichtet - versuchen die USA auch, einige europäische Länder auf ihren Erklärungszusatz einzuschwören - stehen jedoch bisher sehr isoliert da.

Um eventuell wankelmütigen Regierungsvertretern in Europa, die sich auch durch besondere Naehe zum Vatikan auszeichnen, Rückendeckung zur Unterstützung der unveränderten Erklärung zu geben, beschließt der "Caucus" eine entsprechende Resolution. Die NRO-Frauen, die zu den Regierungsdelegationen gehören, werden diese Resolution nun weiterreichen. Trotzdem bleibt die Situation schwierig: eine UN-Deklaration setzt den Konsens aller Staaten der Weltgemeinschaft voraus. Was also, wenn die USA bei ihrem Zusatz bleiben? - Ähnliche Beratschlagungen machen auch die NRO-Frauen aus den anderen Regionen in Abständen. Ihre Ergebnisse werden dann auf einem "Linkage Caucus" an die Frauen aus den jeweils anderen Regionen kommuniziert und miteinander abgestimmt.

Zuhörerinnen im Panel. So schön das Gewusel der Masse von Frauen in diesen sonst sicherlich sehr viel nüchterner wirkenden Räumen und Fluren auch ist, so wichtig, dass auch Frauen in der UN-Generalversammlung Platz und Raum einnehmen: Angesichts des hohen Zeit-, Energie - und Kostenaufwands so vieler kluger und sicherlich auch sonst überbeschäftigter Frauen beschleicht mich zwischendurch doch der Zweifel, ob dieser Aufwand, dieses Ringen um ein weiteres Stück Papier tatsächlich noch lohnt. Vorhin rief eine eine der Panelistinnen in der UN-Frauenrechts-Sitzung zum Schluss ihrer Rede: Let's not talk, it's time for action. Aber auch da tauchte für mich der Zweifel auf: welche action, bitte schön?

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Thursday, 03 March 2005

Police bewacht UN-QuarterNew York im strahlenden Sonnenschein, wenn auch sehr kalt. Leider kann ich das Wetter gar nicht genießen. Zum einen sieht man in den fensterlosen voll klimatisierten Sitzungssälen und in den mit  Frauenaktivistinnen überfüllten Nebenräumen davon nichts, zum anderen hat mich die kursierende Erkältungswelle ziemlich heftig erwischt. Der größte Teil der "Side-Events", der  Zusatzveranstaltungen zur offiziellen UN-Kommissionssitzung, findet allerdings im "Church Center" statt,  einem Kirchengebäude gegenüber der UN, in der auch zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, z.B. amnesty international, ihre Büros haben.

Auf fast alle Side-Events ist ein riesiger Andrang, so dass in Räumen, die für maximal 50 Leute gedacht sind, sich 70 bis 100 drängeln. Anstrengend fürs Zuhören und Atmen.  Bisher klangen die Ankuendigungen leider meist interessanter als die Veranstaltungen selbst. Etwa "UN-Reform: Die Perspektive der Zivilgesellschaft" oder : "Gender Mainstreaming - Gibt es dabei ein Risiko?" Im Input  problematisierten die VeranstalterInnen von der "International Alliance of Women" zunächst das unterschiedliche Verständnis von Gender Mainstreaming und warfen dann die Frage auf: Wie ist die Geschlechterfrage in den Mainstream zu bekommen? 

Die nahezu einhellige Antwort der mehr als 60 Frauen aus Afrika und Europa, Australien und Kanada: gewiss nicht nur und in erster Linie durch Gender Mainstreaming. Zwar ist dies ein hilfreiches Instrument, um Themen gendersensitiv zu betrachten, und  - in begrenztem Masse - Maenner fuer den Kampf um die Geschlechtergleichheit einzubinden, doch vielfach ueberwiegen die Nachteile: Wenn z.B. Gender Mainstreaming nicht von "Gender Budgeting" begleitet wird, also der Zuteilung von finanziellen und personellen Mitteln jeweils nach dem Geschlechterproporz.  Problematisiert wurde auch, dass durch die Konzentration auf die "Gender"-Frage und die Betrachtung des Geschlechterverhältnisses die "Frauen-"Frage zuruckgedrängt werde. Die aber steht weiterhin auf der Agenda, solange die Geschlechtergleichheit nicht hergestellt ist. Und das bedeutet auch: feministische Politik - und das, so eine Teilnehmerin "ist immer gegen den Strom". Problem dieser  wie so vieler anderer Veranstaltungen: Es blieb bei den Statements, und  es wurden keine strategischen Überlegungen angestellt, wie diese Erkenntnisse weiter politisch wirksam gemacht werden können. 

Gestern Nachmittag nahm die Vertreterin der Bundesrepublik, Marie-Luise Beck, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfrauenministeriums im UN-Plenum Stellung zur Peking Plattform und zum Stand der Umsetzung der Frauenrechte in der BRD. Ihr Beitrag wurde von starkem Beifall begleitet. Zu Recht, denn sie war eine der wenigen RegierungsvertreterInnen überhaupt, die klar und deutlich die "vollständige" Umsetzung der inhaltlichen Vorgaben der Peking Plattform als unverzichtbaren Schritt fuer die international vereinbarten Entwicklungsziele benannte. Ihr abschließender emotionaler und eindringlicher  Appell: " Let's not step back, let's go forward." (Lasst uns nicht zurück gehen, sondern vorwärts schreiten). Darum wird nun gerade überall in den Fluren und Sitzungszimmern des UN-Gebäudes zwischen RegierungsvertreterInnen und NRO-Vertreterinnen anscheinend heftig gerungen.  Denn noch immer ist unklar, wie sich insbesondere die USA zur Bestätigung der Pekinger Beschlüsse verhalten wird.

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Tuesday, 01 March 2005

Gestern morgen: Eröffnung der 49. Sitzung der Frauenrechtskommission in der UN-Vollversammlung. Etwa 80 der 191 Mitgliedstaaten haben MinisterInnen zu diesem Eröffnungsmeeting geschickt. Als akkreditierte NRO-Vertreterin für die hbs kann ich mit einer eingeschweißten Plastikkarte mit Lichtbild und noch einer zusätzlichen Plastikkarte direkt im Sitzungssaal dem Geschehen folgen, vorausgesetzt, ich habe auch noch eine von 250 ausgegebenen Tageskarten für NRO-VertreterInnen ergattert. Pech gehabt, sie sind alle weg, und so bleibt mir nur der Weg in einen von zwei Nebensitzungssälen, in denen jeweils etwa 1000  NRO-VertreterInnen die Plenardiskussion auf einer Riesenleinwand verfolgen können. Auch in dieses nüchterne, fensterlose Gebäude, in denen überall Sicherheitstürsteher darauf achten, dass keine Unbefugten in die verschiedenen abgetrennten Bereiche eindringen, bringen die vielen NRO-Frauen aus aller Welt, vor allem die Afrikanerinnen und Asiatinnen in wunderbar bunten Gewändern,  Farbe und Leben.The Gates 2

Eröffnet wird die Versammlung von UN-Generalsekretär Kofi Annan persönlich. Damit gibt er der Sitzung der Frauenrechtskommission einen besonderen Stellenwert.  Er benennt sieben  zentrale Problemfelder, in denen  Verbesserungen für Frauen in fast allen Teilen der Welt unerlässlich sind, um Geschlechtergleichheit zu erreichen, darunter die Bildung für Mädchen und Frauen, die Stärkung ihrer sexuellen und reproduktiven Rechte, die Garantie von Erbschafts-, Land- und Besitzrechten und die Ächtung jeder Form von (sexueller) Gewalt an Frauen und Madchen, gerade auch im vermeintlich privaten Bereich.

Bevor die RepräsentantInnen der einzelnen Mitgliedstaaten das Wort erhalten, wird eine Video-Präsentation "Agenten des Wandels - 10 Jahre nach Peking" vorgeführt, mit beeindruckenden Filmausschnitten über die Lebensbedingungen und Rollen von Frauen in verschiedenen Regionen der Erde. Fazit: 10 Jahre nach Peking ist die Geschlechtergleichheit überfällig und eines der zentralen Milleniums-Entwicklungs-Ziele, die im September in der UN verhandelt werden.

Danach geht eine Berichtsmaschinerie der einzelnen Mitgliedsländer los. Hier wird ein völlig anders Bild über die Lage der Frauen gezeichnet, ein Widerspruch auch im Vergleich zu den Berichten der NRO-VertreterInnen am Vortag. Überall in der Welt scheinen Frauen und ihre politische und rechtliche Gleichstellung nach den Berichten der RegierungsrepräsentantInnen erhebliche Fortschritte gemacht zu haben, wurden Diskriminierungen und Gewalt an Frauen bekämpft. Lediglich einige LändervertreterInnen wie die dänische Gleichstellungsministerin  stellen (selbst)kritische Fragen und verweisen auf die enorme Diskrepanz zwischen den Beschlüssen von Peking und ihrer Umsetzung in die Praxis.

AThe Gates 1ls ich aus dem UN-Gebäude herauskomme, um in einem anderen Gebäude an einem der vielen NRO-organisierten Workshops teilzunehmen, hat es angefangen zu schneien. Und am Ende des Tages wird die UN-Sitzung beschlossen mit der Durchsage des Sitzungsleiters: falls ein laut Wetterbericht angekündigter Schneesturm tatsächlich komme, falle die heutige Sitzung aus. Doch so weit kommt es nicht. Der über Nacht gefallene Schnee hat sich am Morgen auf den Strassen bereits in Matsch verwandelt.

Für den Abend hat meine Washingtoner Kollegin Liane ein Treffen aller Konferenz-Teilnehmerinnen aus Deutschland und der hbs-PartnerInnenorganisationen aus Mexiko und Israel organisiert. Einhellige Befürchtung: dass die USA versucht, die Bestätigung der Pekinger Plattform und ihrer Umsetzung zu unterlaufen. Offensichtlich üben deren RegierungsvertreterInnen massiven Druck auf einen Teil der RepräsentantInnen aus Lateinamerika und einigen arabischen Ländern aus, denen die weitgehende Formulierung von Selbstbestimmungsrechten von Frauen im Bereich Reproduktion und Sexualität auch ein Dorn im Auge ist. Heute finden immer wieder Konsultationen zwischen VertreterInnen unterschiedlicher Länder statt, um Gegenstrategien zu entwerfen.

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Monday, 28 February 2005

New York skylineGestern: Ankunft in New York nach einem ruhigen, angenehmen Flug - sogar eine Stunde früher als vorgesehen dank günstiger Windverhältnisse. Unangenehm allerdings die totale Einreisekontrolle durch das US-Sicherheitspersonal, gegen das die Kontrollen beim Transit durch die DRR früher noch im Nachhinein harmlos erscheinen. Inquisitorische Befragung über Sinn und Zweck des Besuchs, Warten in langen Schlagen, danach werden Fingerabdrücke genommen und ein Foto gemacht. Jede Person, die in die USA einreist  - eine potentiell Kriminelle?

Mein Hotel ist klein und einfach und erscheint mit insgesamt 14 Stockwerken inmitten von Manhatten vergleichweise niedrig vor den beeindruckenden Wolkenkratzern ringsherum. Von dort sind es nur 15 Minuten Fussweg  zum Central Park, mein erster Weg durch New York, um  "The Gates" der Christos noch  live erleben zu können, bevor ich mich dann heute in den 14 tägigen Sitzungs-Marathon  stürze.

The Gates von Christos"The Gates" im Original finde ich in ihrer orangen Farbenpracht  sehr viel beeindruckender, als alle Fernsehbilder es ahnen liessen. Die zeitweise durchscheinende Abendsonne bringen sie in unterschiedlichen Schattierungen zum Strahlen und Leuchten, vor allem, wenn sie vom Wind noch aufgebläht werden. Dazu gehören das Gewimmel der SpaziergängerInnen und die Pferdekutschen überall, die Schlittschuhlaüfer auf der Eisbahn mitten im Park. Und das Staunen, die Freude der Menschen über das orangene Farbenspiel. Das ist gelungene Volkskunst in ihrer Höchstform!The Gates von Christos

Heute:  Auftakt-Veranstaltung für Nichtregierungsorganisationen (NRO) mit dem Titel: "Von Mexiko nach Peking und darüber hinaus: Realisierung der Vision". Sie ist organisiert vom NRO-Kommitte für Frauenrechte und ist  der 2-wöchigen 49. Sitzung der UN-Frauenrechts-Kommission vorgeschaltet. Sie will den Weg der internationalen Frauenbewegungspolitik von der 1. Weltfrauenkonferenz 1975 in Mexiko zur Verabschiedung der Pekinger Plattform auf der 4. Weltfrauenkonferenz 1995 und bis heute nachvollziehen, die damit verbundenen Visionen, Erfolge und Defizite bilanzieren,  zukunftsweisende Strategien diskutieren und die zentralen und dringendsten Problembereiche für die Situation der Frauen identifizieren.
Als ich mich zum Tagungsort ins Barnard-College aufmache, fühle ich mich voellig gerädert.  Der Jetlag hat zugeschlagen. Um 4 Uhr nachts habe ich hellwach im Bett aufrecht gesessen. Doch angesichts der Vielzahl und Vielfalt von Frauen aus aller Welt, ihrer Lebendigkeit und Buntheit, werde ich hellwach und lasse mich von einer Art Konferenz-Fieber mitreissen. Mehr als 700 Frauen  aus allen Kontinenten und aus allen Altersgruppen sind hier her gereist. Insgesamt haben sich 6000 NRO-Repräsentantinnen  für die gesamte Konferenz angemeldet.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen vormittags Berichte von NRO-Repräsentantinnen aus den verschiedenen Weltregionen zu den Fragen: Was haben wir seit Mexiko und vor allem seit Verabschiedung der Peking Plattform 1995 erreicht, wo liegen die Defizite und Versäumnisse, was sind die zukünftigen, zentralen Herausforderungen für feministische und Frauenpolitik? Die Berichte gleichen sich in ihren zentralen Aussagen: Fast überall haben die frauenpolitischen Aktivitäten und vor allem die Peking-Plattform zu einer Verbesserung der Lage der Frauen geführt - zumindest auf dem Papier: In Regierungsbeschlüssen und gesetzlichen Regelungen werden die Rechte von Frauen gestärkt, wird die Diskriminierung von und Gewalt gegen Frauen nominell angegriffen und verurteilt, bekennen sich Regierungen zur Pekinger Plattform. Zum Teil hat sich auch die Situation von Frauen real verbessert: der Anteil erwerbstätiger Frauen ist weltweit gestiegen. Doch insgesamt - so die Berichte der Ländervertreterinnen - sind die Lebensrealitäten von Frauen und Mädchen weiterhin alarmierend und vielfach wird ein Backlash, ein Rückschlag konstatiert. Er wird zum einen auf neoliberale Entwicklungen im Kontext der Globalisierung, zum anderen auf ein Erstarken fundamentalistischer Strömungen zurückgeführt. Ausdrücklich wird darauf verwiesen, dass Fundamentalismen sich nicht nur und in erster Linie auf islamische Gesellschaften beziehen, sondern für Gesellschaften mit christlichem oder anderen religiösen HIntergründen ebenso gelten. Seit mehr als 10 Jahren müssen Frauen dadurch zum Beispiel um Errungenschaften im Bereich reproduktiver Rechte und sexueller Selbstbestimmung fürchten. Für mich erstaunlich ist, dass nur vereinzelt Frauen auf die Bedrohungen und Gefährdungen durch bewaffnete Konflikte und die geringen Einflussmöglichkeiten und Partizipationschancen von Frauen in diesem Bereich Bezug nehmen. Und nur Dr. Devaki Jain aus Indien hinterfragt auch die Rolle der Frauen/NROs selbst, die sich in der internationalen Politik grosse Freiräume und Mitgestaltungsmöglichkeiten erkämpft haben, aber nicht über die Einforderung von Beschlüssen und anderen Dokumenten hinausgekommen sind. Für sie ist es nun an der Zeit, die erkämpften Rechte auf dem Papier in konkrete Veränderungen umzusetzen.

Ein Ansatz, der von Charlotte Bunch, Direktorin vom "Center for Women's Global Leadership" an der Rutgers Universität aufgegriffen wird. Sie beantwortet ihre Frage, "Wie bringen wir die Frauenbewegungen wieder nach vorn, wie setzen wir die Umsetzung der Peking Plattform wirksam auf die Agenda?" allerdings sehr pragmatisch. Sie verweist auf die grosse Anzahl der Konferenz-Teilnehmerinnen, die beweisen, das die Frauenbewegungen (noch oder wieder) stark sind und Druck ausüben können, auf die UN-Kommission, und auf die einzelnen Länderregierungen weltweit, die so wenig dafür getan haben, die Pekinger Plattform wirklich umzusetzen. Gegen die konstatierten Chinatown-Rückschläge beschwört sie förmlich: "Wir bestätigen die Pekinger Plattform und werden sie nun voranbringen". Als zentrales Instrument nennt sie die bisher fehlenden finanziellen Mittel, die es einzufordern gilt. Das Instrument: Genderbudgeting - in den einzelnen UN-Mitgliedstaaten ebenso wie in der UN selbst. 

Am Nachmittag geht es gezielt um die Frage der Strategien: wie ist die Pekinger Plattform nun unverzüglich umzusetzen? Darüber hinaus steht an, weitere zentrale Problem- und Handlungsfelder für Frauenpolitik zu identifizieren. Als Implementierungsstrategie wird auf die Verknüpfung mit den vor 5 Jahren formulierten Milleniums-Entwicklungszielen gesetztt. Entsprechend soll es eine frauenpolitische Mobilisierung für die UN-Sitzung vom 14. - 16. September geben, auf denen die Milleniums-Entwicklungs-Ziele verhandelt werden. Darüber hinaus ist klar: Von allen Regierungen ebenso wie der UN wird verlangt, den Beschlüssen Taten folgen zu lassen und das heisst: Ausreichende Finanzmittel für die Umsetzung der Peking Plattform,  systematische Erhebung von Daten, um Fortschritte wie Rückschritte genau belegen zu koennen. Und Nutzung der von NGOs erhobenen, vorhandenen Daten und Statistiken. Als aktuell dringendes politisches Handlungsfeld wird ausserdem das Problem von Extremismus und Fundamentalismen in ihren politischen, religiösen und kulturellen Erscheinungsformen identifiziert, die darauf ausgerichtet sind, die Selbstbestimmung von Frauen zu beschneiden, ihre Sicherheit gefährden und zum Abbau von bestehenden Ansätzen von Gleichheit und Frauen/Menschenrechten führen. Ergebnisse, die mit der UN-Frauenrechtskommission in den folgenden 14 Tagen verhandelt werden.

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Aktualisiert: 23.03.2005, hbr